Warum meine Schüler manchmal klüger sind als ich

Birkenbachschule-brotZeit besteht aus mehr als Brot


In regelmäßig unregelmäßigen Abständen nehme ich mir vor, morgen früh, ganz früh etwas, nein, viel früher aufzustehen, mich schneller zu duschen, geschwinder in die Klamotten zu hüpfen und im Eiltempo die Zähne zu putzen... Gründlich Zähne zu putzen, aber eben im Eiltempo. Denn dann, ja dann könnte ich den Frühstückstisch schön eindecken, ein bisserl Obst waschen und dazulegen, vielleicht auch ein kalziumreiches Jogurtmüsli neben der Marmelade platzieren, um schließlich und endlich die ganze wohlgelaunte Familie um den trauten Frühstückstisch herum zu versammeln. Ja, all das könnte ich.

Realiter quäle ich mich dann doch fünf Minuten später aus dem warmen Bett als geplant, realiter ist die Dusche erst mal noch belegt und ich bin in der Warteschlange, realiter muss ich erst mal eine neue Zahnpastatube suchen, denn die alte ist leer... Doch ich eile, hetze und fliege - nur um dann am gedeckten Tisch abgeschafft festzustellen, dass meine Kinderlein gar "keinen Bock" auf mein wunderbar gesundes Obst haben und überhaupt gedanklich nicht am familiären Frühstückstisch, sondern längst schon in der Schule sind.

Und dann laufe ich in der Schule ein, von der morgendlichen Frühstückshektik zuhause schon leicht gestresst und genervt. Und da treffe ich auf sie - auf all die, die an diesem Morgen klüger waren als ich. Auf all die, die in der Aula der Birkenbachschule Kirchardt in kichernden Grüppchen zusammensitzen, um ab halb acht das breitgefächerte Frühstücksbuffet der BrotZeit zu genießen - ganz ohne Stress und Hektik, dafür aber mit ganz viel Ruhe und ganz vielen lächelnden Gesichter, die plappernd und babbelnd schon auf den neuen Schultag einstimmen. Jeder darf da einfach dazukommen, ohne Anmeldung, ohne Kosten. Also setz ich mich dazu - nicht weil ich noch Hunger hätte, aber irgendwie macht das ganze Ambiente Appetit - Appetit auf mehr als nur Brot und Butter, auf mehr als nur Essen. Ich fühl mich gleich willkommen, ich fühl mich gleich..."angekommen". Und ich fühl mich gleich angenommen, als ich von einer Schülerin nicht nur das übliche Gejammere über schulische Probleme zu hören kriege, sondern heute mal was ganz Neues erfahre, nämlich... Nein, das wird nicht geschrieben, das bleibt "unter uns" . Jedenfalls sehe ich die Schülerin ab heute noch mit mehr Augen als den zweiten, die ich im Gesicht habe! Und sie verrät mir, dass sie erleichtert ist, mir das endlich mal erklärt zu haben...so von Frau zu Frau gewissermaßen. Ich grinse ein bisschen, denn mir wird klar, wie tiefsinnig ihre Worte sind. Wir sitzen hier beisammen nicht nur als Schüler und Lehrer, sondern als Frauen, als Menschen jeder Altersstufe und beiderlei Geschlechts. Jedenfalls, meine junge Mit-Frau und ich machen uns auf, Richtung Klassenzimmer...sie wie von einer Last er-leichtert, ich eindeutig entstresst und bereit für neue Aufgaben.

Ich komm noch an dem Tisch dreier Grundschüler vorbei, höre, wie sich der eine wundert über seinen Apfelschnitze kauenden Mitschüler, weil der "doch nie Obst isst" . Ich denke an die ungeliebten gesunden Obstschnitze, die zuhause auf meinem Küchentisch einsam vor sich hingammeln, als der kleine schwarzhaarige Dreikäsehoch mit vollen Apfelbacken erläutert: "Na, hier essen das doch alle!"

Claudia Wanner